Wie sich leise, introvertierte, Menschen von extrovertierten unterscheiden.

Sag du doch auch mal was! Du musst mal ein bisschen aus dir rauskommen! ... Kennst du diese Aufforderungen? Gehörst du eher zu denen, die zurückhaltend sind oder zu denjenigen, die sich gern äußern und lebhaft ins Gespräch einbringen?

Oder würdest du sagen, du verhältst dich mal so oder mal so, je nach Situation? Hast du trotzdem manchmal das Gefühl, unterzugehen, weil du dich nicht laut genug äußerst oder vor dem Sprechen lieber länger nachdenkst?

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Wie sich leise, introvertierte Menschen von extrovertierten unterscheiden

Introvertierte sind natürlich nicht so einfach in eine Schublade zu stecken und dadurch zu beschreiben, dass sie sich generell leise verhalten. Denn jeder von uns ist anders, ob nun eher intro- oder eher extrovertiert. Hier geht es auch in keinster Weise um eine Bewertung dieser Eigenschaften, denn sie haben wenig damit zu tun, ob wir leistungsfähiger oder liebenswerter sind oder nicht.

Diese beiden Pole beschreiben eher eine Neigung oder Persönlichkeitsmerkmale, die vor allem dadurch gekennzeichnet sind, dass Introvertierte ihre Aufmerksamkeit eher nach innen richten und Extrovertierte eher nach außen. Dadurch wirken die entsprechenden Persönlichkeiten eher ruhig und zurückhaltend oder eher offen, energisch, aktiv.

So einfach ist es jedoch nicht – denn wir alle sind Menschen, die in ihrer Individualität einzigartig sind. Unter uns Intros gibt es eine große Bandbreite an unterschiedlichen Ausprägungen, so wie man es auch unter den Extros sowie auch den „Zentros“ finden kann. Wir können davon ausgehen, dass sich die meisten Menschen zwischen den beiden Polen bewegen, mit einer Tendenz in eine Richtung oder sogar je nach Situation mal intro- und mal extrovertiert. Menschen, die keine eindeutige Tendenz zeigen, werden als zentrovertiert – oder in der Sprache der Psychologen: als ambivertiert - bezeichnet. Experten sind sich nicht so einig, wie sich das Verhältnis in der Bevölkerung zeigt – denn hier gibt es kulturelle Unterschiede und so offensichtlich lässt sich keine eindeutige Zuordnung treffen. Man geht davon aus, dass sich zwischen 30-50 % aller Menschen eher der introvertierten Tendenz zuordnen lassen können (1, S. 91 ff.). Doch die meisten von uns lassen sich tatsächlich eher den gemäßigten Intros und gemäßigten Extros – also den Zentrovertierten – zuordnen. Zentros haben den Vorteil, sich je nach Situation aufgrund ihrer gemäßigten Ausprägung so zu verhalten, dass sie weder schnell Energie verlieren noch sich schnell unterstimuliert fühlen (1, S. 93). Zentros können sich mal intro- aber auch extrovertiert verhalten.

Wieso ist es dann – hier, für mich und vielleicht auch für dich - ein Thema? Viele von uns eher Introvertierten leiden darunter, in einer Umgebung mit lauten Menschen unterzugehen oder wenig beachtet zu werden. Wir werden verkannt, fühlen uns übergangen und wissen oft trotzdem nicht, wie wir das ändern können. Unser Selbstverständnis und die Selbstbewertung leiden darunter.

Wenn wir uns jedoch (er-)kennen, können wir bewusst mit unseren Eigenschaften und Fähigkeiten so umgehen, dass es uns egal sein kann, ob wir uns in einer stillen oder lauten Umgebung befinden. Daher ist es so wichtig, das Bewusstsein über sich selbst zu schärfen, um auf dieser Grundlage (selbstbewusst) Selbstvertrauen zu entwickeln.

Ich selbst bezeichne mich nach langen Jahren intensiver Auseinandersetzung mit diesem Thema und damit verbundener Selbsterfahrung als ausgeprägt introvertiert. Für mich ist es eine Entscheidung, besonders nachdem ich verstanden hatte, wieso ich nach bestimmten Arbeits- und Alltagssituationen mich als mehr erschöpft wahrgenommen habe als Bekannte, Arbeitskolleg:innen und Freund:innen, die abends immer noch die Energie und Lust hatten, unter Leute zu gehen. Introvertierte werden als ruhig, zurückhaltend wahrgenommen – man traut ihnen oft nicht zu, dass sie aus sich herausgehen können. Doch auch wir können das, wenn wir uns in kleiner oder vertrauter Runde befinden, wenn uns ein Thema fesselt, wenn wir Meister unseres Faches sind und vor allem auch in Situationen, auf die wir uns vorbereiten konnten.

Wenn wir uns besser verstehen und entsprechend mit uns selbst umgehen können, werden uns „Andere“ als souverän und selbstbewusst wahrnehmen und auch verstehen, was uns treibt. Denn je bewusster wir mit uns selbst umgehen – und entsprechende Selbstfürsorge betreiben (ich sage nur: Energiehaushalt) – desto offener können wir anderen mitteilen, was uns wichtig ist und auch, was wir für andere tun können.

Wusstest du schon, dass wir auch unterschiedliche Ausprägungen zwischen den Kulturen erleben? Während die Vereinigten Staaten von Amerika eher der extrovertierten Kultur zugeordnet werden kann, wird Deutschland eher als zentrovertierte und z.B. Japan oder Finnland eher als introvertierte Kulturen wahrgenommen. Die Kultur prägt auch unsere soziale Umgebung und unser Erleben. Gerade für Heranwachsende wäre hier eine der wichtigsten Botschaften: „Du bist ok so, wie du bist“ (1, S. 107).

Herausforderungen im Umgang miteinander

Da wir Menschen soziale Wesen sind, sind die Kontakte zu anderen Menschen lebensnotwendig. Leider kann genau hier der Grund dafür liegen, warum wir – wir eher Introvertierten - das Gefühl entwickeln, etwas stimme mit uns nicht, wenn wir zurückhaltend und leise sind. Wenn wir uns in einer extrovertierten Gruppe bewegen – egal ob Familie, Schulklasse, Freunde – sind wir diejenigen, die leise sprechen und ihre Meinung bedacht äußern.

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Manche Menschen können das nicht so gut einordnen und schicken uns Signale, aus denen wir verstehen: So, wie du bist, bist du nicht ok: du solltest lauter sein, extrovertierter – mehr „fühlbar und hörbar“ für die Anderen. Extros, die sich in einer eher introvertierten Umgebung befinden, können ähnliche Erfahrungen machen und sich als nicht zugehörig empfinden. Umso wichtiger ist es, sich zu erkennen und miteinander umgehen zu lernen. Denn jeder ist ok, so wie er ist – ob intro-, zentro- oder extrovertiert. Denn diese Persönlichkeitsausprägung sagt nichts darüber aus, wie klug, leistungsfähig oder attraktiv wir sind – es ist der biologische Unterschied dessen, wie wir Reize wahrnehmen und verarbeiten, wie wir Energie verwenden und wieder aufladen.

Die Herausforderung ist es also, als introvertierter Mensch Bedürfnisse und Werte so kommunizieren zu können, dass Extrovertierte das nachvollziehen können und als extrovertierter Mensch entsprechend agieren zu können bzw. aufgrund dieses Wissens Verständnis für die Leisen zu entwickeln.

3 Tipps für den Umgang miteinander

Sylvia Löhken erklärt in ihrem Buch „Intros und Extros. Wie sie miteinander umgehen und voneinander profitieren.“ anhand unserer Kommunikation, wo wir ansetzen können, um einen konstruktiven Umgang miteinander zu pflegen.

Sie geht davon aus, dass wir durch unsere Kommunikation unsere soziale Position im Verhältnis zu unseren Mitmenschen einnehmen und vertreten – sowohl sprachlich, als auch durch unser Verhalten und unsere Körpersprache. Sie spricht von der sogenannten „Statuskommunikation“, die uns dabei helfen soll, uns zu positionieren, Grenzen zu ziehen, Bedürfnisse mitzuteilen und sichern und somit das Zusammenleben in der Gemeinschaft zu organisieren. (1, S. 265).

Der Begriff der Statuskommunikation wurde von Deborah Tannen (amerikanische Soziolinguistin, geb. 1945) geprägt und ist auch im Bereich des Improvisationstheaters zu finden. Tannen unterscheidet die - „vertikale“ - Statuskommunikation von der „horizontalen“ Kommunikation. Die Statuskommunikation soll, wie es der Name schon sagt, bei der Positionierung helfen – die horizontale Kommunikation dagegen ist eher auf Gleichberechtigung zwischen den Kommunizierenden ausgerichtet: Interaktion auf Augenhöhe, die dem Gruppenzusammenhalt dient (1, S. 335).

Auch die Statuskommunikation erfährt keine Bewertung – sie ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach hilfreich im Umgang miteinander. Wir wissen vom Anderen, wo er steht und wir können mitteilen, wo wir uns sehen. Wenn ich dir jetzt „was von Statuskommunikation“ erzähle, schüttelst du vielleicht den Kopf. Klingt ja so technisch, denkst du vielleicht, und: noch mehr komische Begriffe …. Doch tatsächlich können wir im bewussten Umgang damit vieles ohne große Anstrengung vereinfachen.

Gerade wir Intros nehmen Statuskommunikation als etwas Anstrengendes und doch eigentlich Unnötiges wahr. Immerhin geht es hier um Kommunikation nach außen, mit der wir uns mitteilen und die uns Energie entzieht. Wir sind eher vorsichtig, wenn es darum geht, unsere Meinungen und Bedürfnisse mitzuteilen oder Konflikte anzusprechen. Wir möchten gern berechenbare Reaktionen unserer Gegenüber, um vorbereitet zu sein und uns nicht zurückzuziehen.

Das sind die Hürden für Intros, wenn es darum geht, sich zu positionieren. Doch die Vorteile wiegen so viel schwerer, denn die Konsequenzen von bewusster Statuskommunikation können achtsamer Umgang miteinander und Wissen darüber, wie der andere tickt, sein.

Wir haben Stärken, die uns dabei helfen können, wie zum Beispiel unser Einfühlungsvermögen. Wir können so ruhig unseren Standpunkt vertreten, während wir dem Gegenüber Verständnis entgegenbringen und Gespräche so mitsteuern können.

Wenn wir Introvertierten uns aufgrund des manchmal überwältigenden, aktiven, impulsiven Auftretens dazu neigen, uns zurückzuziehen, zu verstummen, vielleicht sogar aus der Situation zu fliehen, können Extrovertierte am Gefühl verzweifeln, gegen eine Wand zu reden oder auch ignoriert zu werden.

Um aufeinander zuzugehen, können Introvertierte ihre Stärken einsetzen und Extrovertierte ihre Aktivität auf die konstruktive Gesprächsgestaltung ausrichten.

Wie könnte das gehen?

Jeder von uns kann sich an Situationen erinnern, in denen er spürte, dass es eine Art Ungleichgewicht gibt. Man spürt dieses „Ungleichgewicht“ über die körperliche Wahrnehmung von Raum, Energie, Zeit und die Art der sozialen Interaktion zwischen den Beteiligten.

Tipp 1: Verstehe die Macht deines Körperbewusstseins

Während extrovertierte Menschen die Nähe suchen und kein Thema damit haben, eng zusammenzustehen und sich auch mal zu berühren, sind Introvertierte hier zurückhaltend. Körperliche Nähe kann leicht als bedrängend empfunden werden, Berührungen sogar – außer bei den Lieblingsmenschen – als unangenehme Übergriffigkeit.

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Wenn du introvertiert bist, beobachte mal die verschiedenen Situationen, in denen du dich wohl oder unwohl fühlst.

Was ist der Unterschied?

Wie verhältst du dich, wo befindest du dich im Raum während der Interaktion, wie ist deine Körperhaltung?

Was genau unterscheidet dein Auftreten von dem der extrovertierten Beteiligten?

Was du als Introvertierte:r tun kannst:- Versuche, ein wenig in den Grenzbereich deiner körperlichen Komfortzone zu gehen – ich bin dagegen, diese völlig aufzugeben, um sich anzupassen – aber einen Schritt auf die Anderen zuzugehen, ist ein guter Kompromiss – so, dass es sich für dich noch gut anfühlt.- Nimm deinen eigenen Raum ein: Positioniere deine Gegenstände so, dass sie deine Grenzen markieren (bitte nicht übertreiben – auch hier schlage ich dir vor, in den Grenzbereich deiner Komfortzone zu gehen).- Öffne deine Körperhaltung und zeige, dass du anwesend: präsent bist. Halte ab und zu Blickkontakt – kein unentwegtes Starren! – nicke auch mal oder gib zustimmende Laute. Das fällt leichter, als du es dir im Moment vorstellen kannst, denn der Vorteil – den du schnell bemerken wirst – ist der, dass du zwar gerade nicht aktiv redest, aber du dich aktiv beteiligst und entsprechend als präsent wahrgenommen wirst.

Was du als Extrovertierte tun kannst:- Beobachte achtsam, ob dein Gegenüber sich zurückzieht, wenn du auf ihn zutrittst. Versuche dann, etwas mehr Abstand zu halten, als du es intuitiv tun würdest und gib dem Anderen dadurch mehr Raum- Wenn du weißt, dass dein Gegenüber introvertiert ist, bedenke, dass du auf ihn sehr dynamisch wirkst – da er eher zurückhaltend ist, ob nun verbal, oder in Lautstärke, Mimik und Gestik - kann er deine Körperhaltung und -bewegungen als überwältigend empfinden.

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Tipp 2: Experimentiere mit deiner Lautstärke und Energie, die du in deine Interaktionen fließen lässt

Auch hier gibt es große Unterschiede zwischen intro- und extrovertierten Menschen. Während extrovertierte Menschen gern laut reden, dabei bewegt gestikulieren und sich ungern unterbrechen lassen, sind introvertierte Menschen lieber leise und bedacht. Sie äußern sich erst, wenn sie sich sicher sind, etwas Gehaltvolles von sich zu geben und das kann manchmal dauern. Auch ihre Bewegungen sind zurückhaltender. Auch Lautstärke und Stimmhöhe werden unterschiedlich eingesetzt.

Was du als Introvertierte tun kannst:

- Du darfst dir Gestik und Mimik erlauben, die zu deiner Körperhaltung und dem, was du beiträgst, passt. Oft reichen schon ruhige, kleine Bewegungen aus, um Kontrolle und Selbstsicherheit zu vermitteln. Vermeide kraftlose Signale, wie hängende Arme und Schultern oder einen unbewegten Gesichtsausdruck. Beobachte dich, wenn du mit Freunden sprichst: wie verhältst du dich dort und was kannst du in deine Begegnungen im Job oder mit Unbekannten mitnehmen?- Lautes Sprechen ist oft nur in einer lauten Umgebung nötig. Denn schon eine akzentuierte Sprechweise, in der du bewusst Intonation (Tonhöhen) und Sprechpausen einsetzt und variierst, kann einer leisen, ruhigen Rede Ausdruck verleihen. Finde ein moderates Sprechtempo, indem du ruhig atmest. Versuche dich in kurzen Sätzen, die leicht verdaulich sind. Wenn du dann noch Blickkontakt aufnimmst (kein Starren, erinnerst du dich?), gewinnst du die Aufmerksamkeit deiner Gesprächspartner. Auch ein Schweigen kann Energie transportieren, nämlich dann, wenn du eine souveräne Körperhaltung einnimmst, Aufmerksamkeit durch angemessenen Blickkontakt signalisierst und somit zugewandt bleibst.

Was du als Extrovertierte tun kannst:

- Wenn du ein impulsiver Mensch bist, der auch mal schnelle Bewegungen ausführt, kannst du einen introvertierten Menschen damit erschrecken und einschüchtern. Ziehe geschmeidige den ruckartigen, plötzlichen, Bewegungsimpulsen vor ohne damit in den Raum des:r Anderen einzudringen. - Du redest gern und schnell und wirst ungern unterbrochen. Erlaube dir Sprechpausen, um auch die Anderen zu Wort kommen zu lassen – umso interessanter kann das Gespräch werden. Stelle Fragen, um den Anderen Interesse entgegenzubringen und sie zum Reden einzuladen. - Falls du auch mal ungeduldig mit Anderen bist, übe dich darin, diese Ungeduld wertschätzend zu kommunizieren. Es wird dir schwerfallen, diese (sofort) abzulegen, doch du kannst sie „anmoderieren“, indem du sagst: „Ich merke gerade, wie ungeduldig ich bin, … umzusetzen/hinzugehen/abzuschließen/zu einer Entscheidung zu kommen.“ (finde hier deine situationsabhängigen, eigenen Formulierungen). Diese Anmoderation halte ich für sinnvoller, als dich völlig beherrschen zu wollen, denn dein Körper wird dich eh verraten 😉 also sage lieber in freundlichen Worten, dass es dir zu langsam geht.

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Tipp 3: Spiele mit deiner Präsenz

Hier nutze ich bewusst das Wort „spielen“, um dich – als Introvertierte – nicht einzuschüchtern 😉 Wir unterscheiden uns von unseren extrovertierten Mitmenschen oft darin, dass wir aufgrund unserer Zurückhaltung in Körperbewegungen und Lautstärke eher später und dann auch als weniger „präsent“ wahrgenommen werden. Extrovertierte Menschen wirken dadurch präsent, dass ihre Ausdrucksform nach außen intensiv ist. Du – als Introvertierte – kannst deine Intensität auch mithilfe der Art deiner Zuwendung und deines äußerlichen Auftritts verstärken.

Was du als Introvertierte tun kannst:

- Übe mit Vertrauten, wie du ihnen mehr Zuwendung schenken kannst, ohne aufdringlich oder übertrieben zu wirken. Schon kleine Gesten genügen: Sende Aufmerksamkeitssignale, die zeigen, dass du deinen Gesprächspartnern zuhörst – wie oben schon beschrieben – Kopfnicken, Blickkontakt, zustimmende Laute oder Rückfragen geben dem Anderen das gute Gefühl, gehört und verstanden zu werden. Deine (Rück-)Fragen helfen Extrovertierten, dich mehr ins Gespräch einzubinden. Wenn du gerade keine Zeit oder Lust auf Austausch hast, bitte um einen anderen Zeitpunkt und umgekehrt: wenn du zügig weiterkommen willst mit einem Projekt oder einer Entscheidung, schlage einen zeitnahen Termin zum gemeinsamen Austausch vor. Auch und gerade, wenn du dich vielleicht durch vorherige Situationen eingeschüchtert fühlst, setze deine gezielte Zuwendung dafür ein, ein offenes Gespräch zu führen. - Bedenke, dass gerade Menschen, die sehr offen durchs Leben gehen und ihr Herz „auf der Zunge tragen“, sich schwer damit tun, Menschen zu verstehen, die keinerlei Regungen zeigen oder sich sogar abwenden. Dass sich ein introvertierter Mensch abwendet, muss zwar noch lange nicht heißen, dass er nicht beteiligt oder anderer Meinung ist, doch das weiß und erkennt keiner, der sich mit den unterschiedlichen Formen der Zurückhaltung nicht auskennt. Deine Zurückhaltung oder auch Abwendung könnte somit missverstanden werden und wiederum zu konfliktgetragenen Situationen führen. Setze bewusst deine Körpersprache, Mimik und Gestik ein, um zu vermitteln, dass du aufmerksam bist. Man muss nicht immer sprechen, um sich bemerkbar zu machen – doch die Art und Weise, wie du „da“ bist: wie du dich anderen Menschen bewusst zuwendest, beeinflusst die Wahrnehmung des Anderen. Selbst wenn du die Situation beenden willst, kannst du das leichter mit einer höflichen Körperbewegung und einem kurzen Hinweis tun, als dich einfach nur abzuwenden oder stumm zu sein, in der Hoffnung, dass dein Gegenüber endlich merkt, dass du genug von ihm hast 😉- Prüfe, ob du mit deinem Äußeren zufrieden bist – experimentiere mit Kleidung, Make-up und Accessories, um deinen Auftritt mitzugestalten. Darüber kannst du dich auch in leisen Tönen selbstdarstellen.- Achte auf deine Sprache: Vermeide Wörter, die Unsicherheit vermitteln, wie „man könnte“, „sollte, müsste, dürfte“, „vielleicht“, „eventuell“, „irgendwie“. Verzichte auf Konjunktive, damit du die Botschaft senden kannst: „Ich stehe zu dem, was ich denke und sage“.

Was du als Extrovertierte tun kannst:

- Du selbst trägst dein Herz oft auf der Zunge und magst es, im Mittelpunkt zu stehen oder zumindest dort in den vorderen Rängen mitzuspielen. Dir sind die Rückmeldungen und die Aufmerksamkeit deiner Mitmenschen wichtig, so wie auch du offen deine Zuwendung verteilst. Bedenke jedoch, dass du nicht von jedem die Zuwendung einfordern kannst, die du dir wünschst. Im schlimmsten Fall kannst du mit wohlgemeinter Fürsorge auch übergriffig wirken. Beobachte, wie dein Gegenüber reagiert und versuche, darauf einzugehen. Er lächelt nicht? Dann verhalte dich höflich-konzentriert. Er wehrt verbal deine Ratschläge ab? Stelle ihm offene Fragen, wie du helfen kannst und akzeptiere auch Absagen. - Bedenke, dass – genau so wie du eine Komfortzone hast – sich auch die Anderen eine Zone eingerichtet haben, innerhalb der sie sich sicher und wohlfühlen. Doch jeder definiert diese Komfortzone individuell und du kannst durch achtsames Beobachten feststellen, wo die Komfortzone deines introvertierten Gegenübers aufhört. Bemühe dich, sie zu respektieren, indem du ihm Raum lässt – hinsichtlich seiner Position und seiner Reaktion.- Erinnere dich daran, dass wir Menschen tatsächlich nicht wirklich wissen, was in unseren Mitmenschen gerade vor sich geht, wenn diese sich nicht äußern. Introvertierte sind damit sehr zurückhaltend: Wenn sie nicht sofort voll-energisch in deine offene Stimmung einsteigen, heißt das nicht, dass sie dich ablehnen oder nicht deiner Meinung sind. Sei interessiert: Frage sie, wie es ihnen geht oder wie sie die Sache sehen und bleib offen für die Individualität und Unterschiedlichkeit von Wahrnehmungen und Perspektiven. - Dein Gegenüber redet und reagiert dir zu langsam? Denk dran, dass zu viel Geschwindigkeit auch Hektik und Impulsivität ausstrahlen kann – nutze die Gelegenheiten, um ein wenig gelassener durchs Gespräch zu gehen. Damit meine ich natürlich nicht, dass du dich mit jedem aufhalten musst, der dir langweilig aufgrund seiner Themen oder Ansichten erscheint oder mit dem du vielleicht einfach keinen Draht entwickelst.

Sondern: Wenn dir dein – stilles – Gegenüber als langsam erscheint, du ihn aber als interessant und sympathisch erlebst, gib ihm auch hier Raum. Du bist nicht allein für das Gespräch verantwortlich – du darfst auch mal durchatmen und die Pause des Anderen mitnutzen, die er vielleicht für die Entwicklung seiner Gedanken oder Antworten benötigt.

In diesem Artikel spreche ich natürlich nur einige der Situationen an, von denen du sicherlich noch viele mehr kennst. In jeder Situation steckt jedoch ein Hauptgedanke: Wenn wir mehr Verständnis für die Anderen entwickeln, kann uns das in jeder Lage helfen, miteinander wertschätzend umzugehen. Das kann auch mal ganz einfach im Gespräch geschehen: Frag doch einfach dein Gegenüber, wie er sich den Umgang mit dir wünscht. Lerne ihn kennen und vereinfache den Umgang dadurch, dass du dir direkte, individuelle, Hinweise von ihm abholst. Das kostet vielleicht im ersten Moment Überwindung, doch du wirst merken, dass damit viel Konfliktpotential schon im Keim erstickt wird.

Mach es dir einfach - viel Spaß beim Umsetzen!

Deine echt introvertierte Alix

Quellen:

1) Sylvia Löhken: Intros und Extros. Wie sie miteinander umgehen und voneinander profitieren. Piper Verlag GmbH, München/Berlin, 2016. Hier insbesondere Kapitel 7, S. 264-318.

2) Marti Olsen Laney, Psy.D.: The Introvert Advantage. How Quiet People Can Thrive in an Extrovert World. Workman Publishing Company, Inc., New York, September 2002.

HINWEIS: Ich verwende in allen Texten eine genderneutrale Ausdrucksweise, spreche jedoch Jede und Jeden an, der und die sich für die Themen interessiert.

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