Als leiser Mensch sichtbar sein – 3 Tipps für den Alltag

„Wir Leisen“ werden erst auf den zweiten Blick gesehen. Da wir erst beobachten, um anschließend zu sprechen, „hört“ man uns zunächst nicht. So bleibt zunächst nur der visuelle Eindruck. Oftmals werden wir dadurch als unauffällig wahrgenommen. Man traut uns weniger zu (vor allem im Bereich der Führungs-qualitäten). Die eher extrovertierten Menschen haben hier den „Vorteil“, gesehen UND gehört zu werden.

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Ich bezeichne mich selbst als ausgeprägt introvertiert. Seit ich vor einigen Jahren durch meine Weiterbildungen, das Lesen verschiedenster Theorien und die Anwendung unterschiedlichster Übungen erkannt habe, was mich ausmacht, kann ich damit - !endlich! - gut umgehen. Bis dahin habe ich oft unter der Wahrnehmung gelitten, nicht in meinem natürlichen Selbst erkannt und vor allem: nicht anerkannt zu werden. Als ich in einem von Susan Cain´s Büchern von Professor Brian Little und seiner Theorie der „Free Traits“ las (1, S. 316 ff.), verlor ich den letzten Zweifel an mir selbst – denn bis dahin fragte ich mich schon hin und wieder, ob ich zwei oder mehrere Personen mit unterschiedlichen Motiven und Lebenszielen in einer war … die von Susan Cain beschriebene Theorie von Prof. Little half mir einmal mehr, mir meiner Selbst bewusst zu werden, was mir viel Vertrauen einflößte.

Laut Cain geht Little´s Theorie davon aus, dass wir feste - angeborene und kulturell bedingte - Persönlichkeitsmerkmale und flexible – freie - Persönlichkeitsmerkmale haben, die wir je nach Situation einsetzen können und die unser Verhalten bedingen. Menschen verhalten sich je nach Situation verschieden – auch ein Intro kann sich extrovertiert verhalten, wenn die situativen Bedingungen dafür vorhanden sind. Das Persönlichkeitsmerkmal Introversion ist angeboren und kulturell geprägt, dennoch können wir – wenn es die Situation hergibt – auch gegen unsere Natur handeln und das sehr erfolgreich.


Wie können wir uns als leiser Mensch positionieren und sichtbar sein?

Präsenz und Sichtbarkeit entsteht vor allem durch das WAS und WIE unseres Auftretens. Um damit bewusst umzugehen, ist das Wissen um die eigenen Werte, Ziele und Eigenschaften grundlegend - womit ich nicht nur Qualitäten, sondern auch unseren Umgang mit wunden Punkten meine. Erst wenn wir diese kennen, können wir uns mit den nach außen sichtbaren natürlichen, kommunikativen Mitteln beschäftigen: Körpersprache: Haltung, Mimik, Gestik, Blickkontakt und stimmlicher Sprache: Stimmfärbung und Wortwahl. Menschen interagieren auf der verbalen und der nonverbalen Ebene. Nur wenn alle Elemente stimmig wirken, werden wir als echt wahrgenommen. Und weißt du was? Sobald du dich mit deinen Werten und Zielen, deinen Stärken und wunden Punkten, auseinandergesetzt hast, wird der Umgang mit deiner Körpersprache ziemlich einfach sein.

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Um eine Stimmigkeit – Authentizität – „herzustellen“, ist es wichtiger, sich selbst zu kennen und erst im zweiten Schritt zu prüfen, ob die Körpersprache dazu passt – oftmals ergibt sich diese nämlich ganz von selbst, wenn man sich seiner selbst: mit allen Eigenschaften, Stärken, wunden Punkten, bewusst ist.
Ist dir schon einmal aufgefallen, was dazu beiträgt, dass dir manche Menschen mehr im Gedächtnis bleiben als andere? Sicherlich ist auch das individuell verschieden – doch meist beeindrucken diejenigen, die mit ihrer gesamten Erscheinung „strahlen“ – also nicht nur dem gesprochenen Wort. Das Gesamtpaket zählt, wie man so schön sagt – und das wirkt umso mehr, je stimmiger es ist.

Was heißt das für uns Introvertierte?
Für uns bedeutet das, dass wir nicht mehr von dem machen müssen, was sich für uns unnatürlich anfühlt und uns Energie entzieht: viel und laut reden. Sondern wir können uns auf Tätigkeiten konzentrieren, die wir gern tun: z.B. beobachten, zuhören und – wenn wir es für richtig halten – uns zu Wort melden.
Stelle dir folgende Fragen und lerne dich selbst dadurch kennen:
  • In welchen Situationen empfinde ich mich als selbstbewusst?
  • Welche Situationen verunsichern mich und lassen mich eher „verstummen“?
  • Wie verhalte ich mich in diesen Situationen: Wie kommuniziere ich dann – wie ist meine Körperhaltung, Mimik, Gestik in diesen Situationen?
  • Was unterscheidet beide Situationen voneinander?
  • Wie kann ich mein selbstbewusstes Verhalten auf Situationen übertragen, in denen ich mich unsicher fühle?

Tipp 1: Entdecke deine extrovertierte Seite

Wir können uns dafür entscheiden, in gewissen Situationen unsere extrovertierten Anteile auszuleben. Jeder Mensch trägt beide Systeme in sich, hat also extrovertierte und introvertierte Anteile. Nur variiert das Verteilungsverhältnis und wie wir individuell damit umgehen. Jeder Intro ist auch ein bisschen extro – selbst wenn du denkst, zu 70% Intro zu sein, haben immer noch 30% Extro Platz in dir (2, S. 40).

Wenn du nun also für dich die vorigen Fragen beantwortet hast, kannst du dich deinen Stärken zuwenden. Welche davon kannst du nutzen, um dich zu „extrovertieren“?

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Beispiel Stärke: Aktives Zuhören

Du als introvertierte Person besitzt vor allem die Stärke, anderen Raum zu geben – ihnen zuzuhören. Nutze diese Stärke in Kombination mit deiner anderen Stärke, um extrovertierte Personen zu verstehen: beobachte, wie sich andere Menschen verhalten. Damit meine ich in keinster Weise Beobachten im Sinne von Stalking (verfolgen), sondern eher im Sinne von: aufmerksam beachten und verstehen, wie sie kommunizieren. Vermeide jedoch den Eindruck, andere abzuschätzen und einzuordnen. Denke daran, dass auch andere Menschen Gefühle haben. Hier gilt ähnliches wie beim Zuhören: zugewandtes Beobachten zeigt Aufmerksamkeit und Interesse, das du deinem Gesprächspartner entgegen bringst.

Auch wenn dir das jetzt komisch vorkommt, aber du kannst dadurch am Vorbild lernen, wenn du neues Verhalten entwickeln oder altes Verhalten leicht abändern möchtest. Als Kind haben wir alle mithilfe von Vorbildern gelernt. Das können wir auch als Erwachsene tun. Ob du dir dafür echte Gesprächspartner suchst oder dir als Vorbild eine prominente Persönlichkeit wählst, ist dir überlassen.

Lerne, extraversisch zu verstehen

Du kannst deine extrovertierten Seiten und Verhaltensweisen ausbauen, indem du extraversisch verstehst (2, S. 109).

Hier ein paar Beispiele.

Blickkontakt:

Während Extrovertierte gern in den Blickkontakt auch während des Sprechens gehen, sind Introvertierte eher hoch fokussiert beim Sprechen. Oft unterbrechen sie daher den Augenkontakt, um sich besser auf ihre Gedanken konzentrieren zu können.

Tipp: Sieh auch, wenn du sprichst öfter in die Augen deines Gegenübers. So machst du dich mehr präsent für deine Gesprächspartner und kannst gleichzeitig Reaktionen schneller erfassen. Sieh aber beim Zuhören ruhig mal weg, damit sich die Anderen nicht fixiert fühlen.

Redebeiträge:

Dein Redebeitrag muss nicht immer den letzten Schliff haben. Die Stärke von extrovertierten Menschen ist es, Gedanken auch während des Sprechens zu entwickeln.

Wenn dir das unangenehm ist, versuche es mit Rückfragen, um dich frühzeitig sichtbar zu machen.

Gesprächsintensität:

Wenn Introvertierte ins Gespräch gehen, haben sie meist intensives Interesse am Thema. Gehe aufmerksam mit deinen Zuhörern um – lasse ihnen Zeit, sich zu deinem Thema zu äußern, so dass du nicht in Monologe verfällst. Früher ist mir aufgefallen, dass – wenn ich länger gesprochen habe – manche meiner Gesprächspartner tatsächlich einen glasigen Blick bekommen haben oder sich sogar jemand anderem zugewandt haben. Ich fühlte mich unterbrochen und unhöflich behandelt. Das hat nicht nur was mit uns zu tun, aber wir können dazu beitragen, einen Dialog zu gestalten und den anderen interessiert zu halten.

Extrovertierte springen oft von Thema zu Thema – der Vorteil ist, dass sich eher Gesprächspartner finden, für die etwas dabei ist. Die Gespräche gehen dann zwar nicht in die Tiefe, aber wir finden Berührungspunkte und können eine angenehme Atmosphäre mitgestalten.

Versuche ähnliches für deinen Gesprächseinstieg. Mach es dir dabei einfach und nutze, was die Situation hergibt, die Räumlichkeiten, den Anlass, die Anfahrt, den Dozenten – mach es dir einfach!

„In welcher Beziehung stehen Sie zum Gastgeber?“

„Welches Thema interessiert Sie am meisten auf dieser Konferenz?“


Tipp 2: So tun als ob – Fake it till you make it.

Wenn du nun weißt, wie du auftreten und wirken möchtest, teste einzelne Merkmale davon in kleineren, unbedeutenderen Situationen – und wenn es nur in der Begegnung mit Menschen beim Einkauf im Supermarkt ist. Tu so, als ob dein Auftreten schon deinem Wunschbild entspricht. Das wird anfangs ungewohnt sein und Überwindung kosten. Das liegt daran, dass sich gewohnte Verhaltensweisen und Körperhaltungen nicht so einfach wegwischen lassen. 

Nimm dir daher einen Schritt nach dem anderen vor. Anderenfalls wird dein Training ungenau und du empfindest es als wenig erfolgreich.

Brian Little nannte sein Auftreten, mit dem er Hörsäle füllte und Studenten mitriss, „pseudo-extavertieren“ - er entschied sich also bewusst dafür, sich etrovertierter zu geben, als ihm zumute war. Anfangs war das schwierig, doch er wurde später mit diversen Preisen dafür ausgezeichnet, wie er lehrte und seine Studierenden begeistern konnte. Diese extrovertierten Phasen wechselte er bewusst mit introvertierten Phasen ab, um seine Energie wieder aufzuladen (2, S. 42 ff.).


Tipp 3: Übe, zwischen den Polen zu wechseln

In unserer gewohnten Umgebung, mit den uns eigenen Gedanken und Verhaltensweisen, fühlen wir uns alle wohl. Der Alltag zeigt uns jedoch, dass wir uns nicht immer darin aufhalten können. Wenn wir nicht als eigenbrötlerisch gelten wollen, macht es Sinn, sich ab und zu in das gesellschaftliche Leben mit einzubinden.

Der amerikanische Psychologieprofessor William Fleeson hat dazu ein Experiment mit introvertierten und extrovertierten Menschen unternommen. Er unterteilte sie in zwei Gruppen: Diejenigen in der einen Gruppe sollten sich bewusst lebhaft und durchsetzungsstark an einer Diskussion beteiligen. Eine andere Gruppe (Kontrollgruppe) sollte sich still und zurückhaltend verhalten.

In der anschließenden Befragung äußerten die Beteiligten der Studie, die sich in der Diskussion befanden, dass sie sich damit glücklich fühlten – auch wenn sie introvertiert waren. Die Kontrollgruppe dagegen fühlte sich lustlos und unwohl (2, S. 44). 

Solche kleineren Experimente können natürlich nur einen modellhaften Charakter haben, dennoch wirst auch du bestimmt schon einmal deine extrovertierte Seite eingebracht und die Zeit auch genossen haben.

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Wieso machen wir das dann nicht öfter?

Die Antwort ist zum einen in unserem Energiehaushalt und wie wir diesen aufladen – durch innere Einkehr - begründet. Doch zum anderen hat es viel damit zu tun, dass wir uns unbehaglich fühlen, wenn wir uns bemerkbarer machen, als wir es „gewohnt“ sind. Die Hintergründe für das Unwohlsein können vielfältig sein. Ob es nun aus Angst oder Scham ist (weil wir schüchtern sind) oder schlechte Erfahrungen in ähnlichen Situationen in der Vergangenheit gemacht haben, kann sich nur jeder selbst beantworten.

Daher ist ein behutsames Herangehen an diesen „Polwechsel“ sinnvoll. Nimm dir in angemessenen Dosen vor, dich in Gesellschaft zu zeigen – ob es nun während des Teammeetings (mit einem gut vorbereiteten Redebeitrag oder einer Meinungsäußerung) ist oder in einer geselligen Runde, in der du nicht alle kennst.

Plane die Zeiten so gut wie möglich, beziehe dabei deine Lieblingsmenschen mit ein und erkläre ihnen deine Entscheidung. Überlege, ob du frei entscheiden kannst, nach einer gewissen Zeit zu gehen. Wenn das nicht möglich ist, plane Pausenzeiten ein – oder suche dir in den vorgesehenen Pausenzeiten Orte, an denen du auftanken kannst. Kennst du das vielleicht: Früher, als ich noch in Büros gearbeitet habe, habe ich mir manche meiner Auszeiten in der Toilette genommen. Du kannst auch Treppen steigen oder einfach mal die Post selbst zum Briefkasten oder Kollegen bringen. Nutze jede Möglichkeit, dir Pausen einzuräumen.

Plane auch die Zeit vor und nach einem gesellschaftlichen Ereignis: Du wirst nach einem Abend mit Kollegen oder Freunden durchatmen wollen. Entweder du planst dir für die kommenden Abende „Alleinzeiten“ ein oder du beschränkst die Zeit, die du in diesen geselligen Abend investierst.      

Bringe dich mit den dir eigenen, leisen, Stärken in das Gespräch ein: Sei interessiert an anderen Menschen. Du wirst merken, dass sich Menschen gern öffnen, wenn sie gefragt werden. Und du hast den Vorteil, zuhören zu dürfen und interessiert nachzufragen. Du wirst erkennen, dass sich daraus das ein oder andere sehr angenehme Gespräch entwickeln kann.

Sich extrovertiert zu verhalten, bedeutet oft einfach, auf andere zuzugehen – sich ihnen interessiert zuzuwenden. Probiere aus, experimentiere und prüfe, was für dich funktioniert – dann mach mehr davon.

Vielleicht helfen dir diese drei einfachen Tipps schon, dir etwas mehr zuzutrauen und dich zu zeigen. Es gibt sicherlich noch viele andere Methoden – dafür wird an anderer Stelle in meinem Blog Platz gemacht 🙂

Noch ein abschließender Appell: Selbst wenn du nach einem deiner „extrovertierten Experimente“ mal ein ungutes Gefühl hast, liegt das daran, dass du daran noch nicht gewöhnt bist – gib dir Zeit, sei verständnisvoll mit dir selbst so wie es ein guter Freund wäre. Denk immer dran, dass sich gewohnte Verhaltensweisen und damit verbundene gewohnte Gefühle nicht von heute auf morgen abstellen lassen – gut Ding will Weile haben. Je öfter du dich traust, wirst du Schritt für Schritt merken, dass es sich mehr und mehr gewohnt anfühlt.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren!

Deine echt introvertierte Alix

HINWEIS: Ich verwende in allen Texten eine genderneutrale Ausdrucksweise, spreche jedoch Jede und Jeden an, der und die sich für die Themen interessiert.

Quellen:
1) Susan Cain: Still – Die Kraft der Introvertierten. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 6. Auflage 2013.
2) Doris Märtin: leise gewinnt. So verschaffen sich Introvertierte Gehör. Campus Verlag, FFM 2014.
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